Dinara Wagner im Interview

über ihre Rolle beim SC Viernheim, die Entwicklung des Frauenschachs und persönliche Ambitionen

Dinara_Wagner

Frage: Vor Deggendorf 2025 wurdest Du als „Wandlerin zwischen den Welten“ tituliert. Wie hast Du dieses vergangene Jahr erlebt – fühlst Du Dich mittlerweile in einer dieser „Welten“ mehr zu Hause oder genießt du gerade diesen Wechsel zwischen der offenen Klasse und der Frauen-Bundesliga?
Antwort: Ich bin sehr froh, die Gelegenheit zu haben, sowohl in der Frauen-Bundesliga als auch in der 1. Bundesliga zu spielen. In beiden Teams fühle ich mich sehr wohl und die Stimmung ist immer sehr gut. Zum Glück gibt es keine Terminüberschneidungen, sonst stünde ich vor einer schweren Entscheidung.

Frage: Du spielst beim SC Viernheim oft gegen männliche Großmeister der absoluten Weltklasse. Was ist der größte Unterschied in der Herangehensweise oder Psychologie, wenn Du am nächsten Tag in der Frauen-Bundesliga antrittst? Ist es eine besondere psychologische Herausforderung, wenn Du – wie in den letzten beiden Runden – neben Deinem Ehemann Dennis am Brett sitzt?
Antwort: In der Frauenbundesliga bin ich in den meisten Partien Favoritin und möchte deshalb immer gewinnen. In der 1.Bundesliga sieht das anders aus, selbst an einem hinteren Brett erwarten mich oft Großmeister. Da wir viele Topspieler in der Mannschaft haben, ist ein Remis an meinem Brett häufig im Sinne des Teams. Daher lege ich die Partien etwas solider an. Falls sich aber die Chance auf einen vollen Punkt bietet, versuche ich natürlich diese zu nutzen.
Es ist auch ein besonderes Gefühl, mit Dennis in einer Mannschaft zu spielen. Manchmal werde ich etwas nervös, wenn mir seine Stellung nicht gefällt, aber normalerweise gibt es mir positive Energie, wenn Dennis neben mir sitzt. Falls wir beide gewinnen, ist der Tag perfekt!

Frage: Der SC Viernheim grüßt den „Rest der Tabelle“ vor den letzten drei Runden mit einigem Abstand von der Spitze. Auch mit 3/5 hast Du eine persönliche Zwischenleistung mit einem kräftigen Elo-Plus erzielt. Was erwartest Du Dir von der zentralen Endrunde und werden Dich die Fans in Berlin am Brett sehen?
Antwort: Ich hoffe, dass wir unsere gute Form in dieser Saison auch mit in die Endrunde nehmen und uns den Deutschen Meister Titel sichern. In dieser Saison habe ich deutlich häufiger gespielt als zuletzt. Ich bin unserer Teamleitung und dem Sponsor sehr dankbar für das in mich gesetzte Vertrauen. Ich werde in Berlin auf jeden Fall dabei sein, kann aber noch nicht verraten, ob ich auch am Brett sitzen werde.

Frage: Wir sehen derzeit ein wachsendes öffentliches Interesse am Frauenschach. Erstmals laufen die Kandidatenwettkämpfe für die offene Weltmeisterschaft und die Weltmeisterschaft der Frauen parallel und auf großer Bühne. Spürst Du diese Veränderung auch am Brett oder bei der Unterstützung durch Sponsoren und Verbände im Vergleich zu deinem Start in Deutschland 2022?
Antwort: Es ist eine positive Entwicklung, dass Frauenschach auf internationaler Ebene mehr Aufmerksamkeit bekommt. Die deutsche Frauenmannschaft und auch ich privat haben das große Glück mit Roman Krulich einen engagierten Sponsor zu haben, dem das Frauenschach sehr am Herzen liegt. Ich hoffe, dass mehr seinem Beispiel folgen, damit noch mehr junge Frauen in Deutschland ihr volles Potential im Schach ausschöpfen können.

Frage: Vor einigen Tagen durfte ich eine Schulschachmannschaft bei einer U-14 Landesmeisterschaft betreuen. Ein 13-jähriges Mädchen, für die es das erste Turnier war, fragte mich ziemlich interessiert nach der Perspektive im Mädchen- und Frauenschach. Was hättest Du ihr geantwortet? Siehst Du Dich selbst primär als Leistungssportlerin, die ihre eigenen Partien gewinnen will, oder spürst Du auch eine gewisse Verantwortung, die Sichtbarkeit von Frauen im Schach aktiv mitzugestalten?
Antwort: Ich freue mich immer, wenn ich dazu beitragen kann, Schach populärer zu machen, insbesondere für junge Mädchen und Frauen. Im letzten Sommer hatte ich beispielsweise die Ehre, als Botschafterin beim Schulschachpokal in Deizisau aufzutreten. Es hat mir riesig Spaß gemacht, die Fragen der Kinder zu beantworten und meine Erfahrungen mit ihnen zu teilen. Schach ist ein toller Sport und eine absolute Bereicherung für viele Bereiche des Lebens. Daher lautet meine klare Antwort: „Bleib dabei und gib nicht auf!“.

Frage: Du hast bereits den IM-Titel und beeindruckende Turniersiege wie den Grand Prix in Nikosia errungen und auch schon GM-Normen erzielt. Welcher Meilenstein steht als Nächstes auf deiner „Liste“, was sind Deine Ziele für 2026/2027?

Antwort: Mein großes Ziel ist der Großmeister-Titel, neben einer weiteren Norm muss ich vor allem die 2500 Elo-Marke überschreiten. Abgesehen davon habe ich noch nie beim World Cup mitgespielt. Deshalb hoffe ich auf ein gutes Abschneiden bei der Europameisterschaft, um mich dafür zu qualifizieren.

Frage: In diesem Jahr kehrt die zentrale Endrunde in die deutsche Hauptstadt zurück. Was verbindet Dich mit Berlin und für wie wichtig erachtest Du solche Gemeinschaftsevents für den Zusammenhalt im deutschen Schach auch im internationalen Vergleich?

Antwort: Die letzte zentrale Endrunde in Berlin in 2021 war tatsächlich das erste Schachevent, das ich nach meinem Umzug nach Deutschland besucht habe. Damals aber noch rein als Begleitung von Dennis, unglaublich, dass ich nun als Spielerin von Viernheim selbst um den Titel mitspiele!
Solche zentralen Veranstaltungen sind immer etwas Besonderes, es ist toll, wenn die gesamte Schachgemeinschaft an einem Ort zusammenkommt. Es ist zwar schade, dass die Frauenbundesliga diesmal nicht dabei ist, aber dafür muss ich mich nicht entscheiden, mit welcher meiner Mannschaften ich zu Abend esse.

Das Interview führte Dr. Lars Hein.